#iststillenliebe?

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie oft ich seit meiner Schwangerschaft den Hashtag #stillenistliebe und diverse Kurzgeschichten rund ums Thema Stillen gelesen habe. So oft, dass ich mir inzwischen selbst ein paar Gedanken dazu gemacht habe.

Ich liebe mein Kind. Ich stille mein Kind. Aber:

Liebe ich mein Kind weil ich es stille? Oder stille ich mein Kind weil ich es liebe?

Ich denke, dass man diese Fragen so pauschal nicht beantworten kann. Stillen bedeutet für mich eine sehr innige und vertraute Beziehung zu meinem Kind. Mein Kind bekommt durch mich alle Nährstoffe, die es für ein gesundes Wachstum und seine Entwicklung benötigt. Ich bin wahnsinnig froh, dass wir es nach den ersten Stolpersteinen (dazu später mehr) geschafft haben, ein so gutes Stillteam zu werden. David wächst und gedeiht prächtig und wir bekommen bei jedem Kinderarztbesuch ein dickes Lob, dass er auch auf der Waage ordentlich zulegt. Alles in allem bin ich also schon mal super zufrieden, wie es bei uns mit dem Stillen klappt und hoffe, dass das auch noch länger so bleibt. Aber nicht jedes Mutter-Kind-Gespann hat das Glück oder die Ausdauer, zu einer glücklichen Stillbeziehung zu finden.

Stillen ist Liebe. Und was, wenn nicht?

Stillen ist Liebe. Würde dieser Satz im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass nicht zu stillen auch heißt, sein Kind nicht zu lieben? Genau deshalb habe ich mit dieser Aussage so ein Problem. Beginnen wir einmal mit den bereits angedeuteten möglichen Schwierigkeiten beim Stillen. Zwar glaube ich diversen Studien, die besagen, dass rein biologisch rund 95-99% der Frauen tatsächlich stillen könnten. Wie aber schon Xavier Naidoo so treffend formulierte: "Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer." Das heißt, dass es einfach bei vielen Frauen nicht auf Anhieb oder gar schmerzfrei klappt, zu stillen.

Ich selbst hatte auch gerade in den ersten Tagen und Wochen immer einmal wieder mit dem Gedanken gespielt, es einfach sein zu lassen. Von wunden Brustwarzen über Milchstau bis hin zur 24/7 Belagerung an der Brust war vieles dabei. Ich bin aber unendlich froh, dass ich den Gedanken immer sehr schnell wieder verworfen hatte. Denn tief in mir wusste ich auch, dass es gerade in meinem Fall einfach nur Bequemlichkeit gewesen wäre. Klar möchte man seinen Körper irgendwann gerne auch einmal ein Stündchen für sich haben (ist doch auch echt schon laaaaange her, dass das zuletzt der Fall war :-) ) und ihm einfach ein wenig Erholung gönnen. Aber ich hatte auch schon so oft gelesen, dass sich das durchhalten lohnt und genau so war es. Langsam hat sich alles gut eingespielt und auch nachts darf ich mittlerweile schon mal 6 Stunden am Stück schlafen.

Zurück zu den Mamis, die weniger Glück haben. Sollte eine Mami, die gerade im Schnitt 9 Monate Schwangerschaft, mitunter eine sehr lange und schmerzhafte Geburt hinter sich hat, wirklich auch wochen- oder monatelang Schmerzen hinnehmen, damit sie dem Ideal #stillenistliebe entspricht? Viele dieser Mamis versuchen wirklich lange und zum Teil unter starken Schmerzen zu stillen, bevor sie ihren Kampf aufgeben. Darf sie sich nicht einfach für sich und vielleicht auch zum Wohle des Kindes (das dann eine entspanntere, ausgeglichenere und vor allem glücklichere Mami an seiner Seite hat) für das Abstillen entscheiden, auch wenn der ursprüngliche "Plan" das Stillen war?
Die einzig richtige Antwort aus meiner Sicht ist ein klares "Doch! Sie darf."
Und das bedeutet nicht auch nur ein klitzekleines Bisschen weniger Liebe für das eigene Kind.

Man darf auch mal "Nein" sagen

Und dann möchte ich noch auf eine weitere Gruppe eingehen. Die Mamis, die sich - Achtung an alle Übermamis, vielleicht lest ihr an dieser Stelle lieber nicht weiter - ohne körperlichen Beschwerden oder Hindernissen, einfach so, gegen das Stillen entscheiden. Sollte man diesen Mamis ihre Entscheidung zum Vorwurf machen? Lieben sie ihre Kinder deshalb weniger? Ich denke nicht.

Meine persönliche Meinung dazu ist leicht erklärt. Ich finde es vielleicht etwas schade, wenn das, was sich die Natur hier ausgedacht hat, einwandfrei funktionieren würde, und man es nun mal nicht nutzen möchte. An dieser Stelle ziehe ich gerne einen Vergleich, der das vielleicht besser veranschaulicht. Wenn mein Kleiner schon etwas zu lange schläft (mittlerweile gehöre ich zu den unsympathischen Mamis mit solchen Problemen - und ich liebe es! :D ) und meine Milchproduktion etwas "über das Ziel hinausgeschossen ist", tut es mir fast leid, wenn so viel Milch einfach daneben geht (ich habe nicht immer Auffangbehälter "umgeschnallt"). Einfach deshalb, weil ich weiß, dass Muttermilch so gut für das Baby ist und ich weiß, wie sehr sich manche Mamis wünschen würden, dass die genug Milch hätten. So ähnlich denke ich auch über die "viele gute Milch", die vielleicht produziert werden könnte aber gar nicht die Chance dazu bekommt. Aber das ist einfach so ein komischer Gedanke, den ich habe.

Dennoch bin ich der Meinung, dass jede Mami selbst am besten weiß, was das Richtige für sie und ihr Baby ist. Und ich habe vollstes Verständnis dafür, dass man sich gegen das Stillen und für die Ernährung mit der Flasche entscheidet.

Ein letzter Satz...

...zum Nachdenken: Wenn #stillenliebeist, hätte die Natur nicht auch den Männern diese Fähigkeit schenken müssen? Denn mein Mann liebt unseren Sohn über alles und stillt ihn weder, noch gibt er ihm das Fläschchen. Und dennoch sind sie ein wundervolles Papa-Sohn-Team.

Ganz ohne Stillen. Mit ganz viel Liebe.

 


Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen